Zur Geschichte des Krautbundes

 

Die Kirche feiert das Fest „Maria Himmelfahrt“ am Ende des Sommers
und trägt zu Ehren Marias, „der Blume auf dem Felde und der Lilie der
Täler“, mit der Kräuterweihe die Gaben der Natur in ihren Gottesdienst
hinein. Der alte Brauch der Kräuterweihe hat sich aus Legenden um
Maria entwickelt. Nach einer dieser Legenden ließen die Apostel das Grab
der Gottesmutter noch einmal öffnen, aber sie fanden darin nicht mehr
den Leichnam, sondern Blumen. Eine andere Legende erzählt, dass dem
Grab ein wunderbarer Duft wie von Kräutern und Blumen entstiegen
sein soll. (Aus: „Durch das Jahr – durch das Leben“ Verlag Kösel
S.27O)

„Maria Himmelfahrt“ feierten die Christen erstmals im 8. Jahrhundert.
Sie legten den Festtag auf den 15. August, an dem die Natur in voller
Kraft steht und Früchte, Korn und Kräuter spendet.
„Uralten Glauben an die Zauberkräfte bestimmter Pflanzen suchte vor
über einem Jahrtausend bereits die Kirche im Lichte ihrer Glaubensvorstellungen
umzuwandeln und damit auf die Ebene christlich-religiöser
Denkweisen zu heben. ‚Statt Zauberformeln sprach sie Gebete über
Heilkräuter’ (Heldt). Diese Gebete setzten an die Stelle magischen
Naturverhältnisses eine neue religiös-dankbare und gottesbezogene
Umweltbeziehung wie im folgenden Gebet aus dem 1O. Jahrhundert:
‚Allherrschender Gott, den Menschen Urheber alles Heiles und aller
Gesundheit. Du Arzt für Seele und Leib, in unerforschlicher Weisheit
hast Du eine Fülle von Pflanzen als heilwirkende Medizin für die
Kranken geschaffen. Wir bitten Dich, erfülle diese Kräuter, die Du
geschaffen hast, mit Deinem heilsamen Segen, und jedem Kranken, der
sie braucht, seien sie Arznei für den Leib und Kraft für die Seele, auf
dass er Dir Dank abstatte, und alle Geister loben unseren Herrn Jesus
Christus’.“ (Aus: Eduard Luce „Donnerkraut und Herrgottsblut“,
Jahrbuch Westfalen ‚84 S.27)

Sandebeck gehört zu den sogenannten Urpfarreien und es ist anzunehmen,
dass der Ort zur Zeit Karls des Großen christianisiert wurde. Wir
können davon ausgehen, dass die Kräuterweihe hier seit etwa 12OO
Jahren vorgenommen wird..
Für das Krautbund werden verschiedene Pflanzen gesammelt. Was zu
diesem Bund gehört, unterscheidet sich nach Landschaft bzw. Bodenbeschaffenheit.
Je nach Region sammelt die Bevölkerung 7, 9, 12, 24, 33
oder gar 77 Pflanzenarten. Auch die Form des Bindens ist unterschiedlich.
Bei uns im Nordeggeraum herrscht das hochgebundene Krautbund vor.
Aus der Mitte ragt die Königskerze hervor, die Getreidesorten und die
Kräuter bilden dann ringsum einen Kranz. Die Stengel werden hoch
und eng umwickelt. Früher nahm man in Sandebeck zum Umwickeln
möglichst ein rotes Schleifenband. In unserem Dorf gehören 24 Teile
in das Krautbund.

Nachstehend eine Beschreibung zum Sandebecker Krautbund aus der
Nachkriegszeit erlebt von einem Schulkind:
„Am Sonntag nach Maria Himmelfahrt war Kräuterweihe. Die Namen
der einzelnen Pflanzen, die zum Krautbund gehörten, waren uns nicht
schriftlich vorgegeben. Uns war bekannt, dass die Zusammenstellung in
den verschiedenen Gegenden variieren konnte, daher war es für uns ganz
wichtig, das für Sandebeck typische Krautbund richtig und vollkommen
zusammenzustellen. Von Generation zu Generation wurde die Zusammenstellung
überliefert. Uns zeigten die Lehrerin, die Mutter oder Oma,
meist jedoch ältere Schwestern oder Cousinen, was ins Krautbund gehörte.
Hatte die Mutter vom Nachbarort nach Sandebeck geheiratet, fragte man
besser Einheimische, denn mit dem Krautbund war es wie mit dem Plattdeutschen:
jedes Dorf hatte seine Eigenheiten, wobei die Kräuter ja wohl
standortabhängig vom Boden waren.

Wochen vor dem 15. August, wenn wir ins Feld gingen, merkten wir uns
die Stellen, an denen bestimmte Kräuter wuchsen. Vom Getreide – Gerste,
Roggen, Weizen, Hafer – musste je ein Halm beizeiten abgeschnitten werden.
Vergaßen wir das, war es schwierig, z.B. noch an Gerste zu kommen, wenn
diese schon längst auf dem Balken unter dem Roggen lagerte. Manches
gab es nur in Bauerngärten, so den echten Wermut und den ‚Kattenmadick’,
die Mariendistel. Einige Kräuter wuchsen in feuchten Niederungen, andere
wiederum auf Trockenrasenhängen. Das Krautbund brauchte viel Zeit und
viele Wege. Aber es machte uns nichts aus, auch nur für einen einzigen
Stengel 5 oder 6 Kilometer zu laufen, so wichtig war es uns, alles zusammenzubekommen!
Wir nahmen zuerst die lange Königskerze, ringsherum banden wir das
Getreide und die Kräuter, abschließend wickelten wir eine rote Haarschleife
unten um das Krautbund. In der Kirche inspizierten wir genau die Krautbunde
der anderen. Bei der Weihe stellten wir uns auf die Kniebänke und
reckten unsere Bunde in die Höhe, um möglichst viel Weihwasser abzubekommen.
Das geweihte Krautbund wurde bis zur Weihe des neuen Bundes im
nächsten Jahr aufbewahrt. Bei uns zu Hause stand es auf dem Küchenschrank.
Bei meiner Oma und in anderen Bauernhäusern hing es auf der
Kornbühne. Die Körner kamen in die neue Saat. Das kranke Vieh bekam
Tee aus den Kräutern.
Beim Gewitter zündete man eine geweihte Kerze an und verbrannte etwas
vom Krautbund im Herd. Wir aßen und tranken nicht während des Gewitters,
sondern beteten. In den Familien betete das jüngste Kind ‚Im
Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das
Wort…’.“
(Aus: Rosemarie Ostermann „Tafellappen & Hüpkerkästchen“ S-62-65)
Rosemarie Ostermann

„ Das Sandebecker Krautbund“
wurde erarbeitet von Mariele Niggemann, Rosemarie Ostermann
und Sonja Ostermann.
Wir bedanken uns bei allen, die im Hintergrund dazu
beigetragen haben, dass diese Schrift erscheinen konnte.
Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass dieser alte Brauch
in unserem Dorf lebendig bleibt.
2004

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